17. Dezember 2008 - Bericht 1. Basler Schildkröten-Fachtagung
1. Basler Schildkröten-Fachtagung und Fortbildung für Tierärzte
14./15./16. November 2008 im Seminarhotel Schützen, Rheinfelden
von Susan Wermuth-Ott
Die erste Veranstaltung dieser Art ist Geschichte; Geschichte mit bestem Echo.
Dazu hier das Resümee mit einigen ?Rosinen?:
1. Tag
Zur Eröffnung der Tagung führte uns Frau Dr. med. vet. Ursula Eggenschwiler mit humoristischen Gedanken zu ?Schildchrohott? einmal anders in die Welt der Schildkröten ein.
Unter lockeren Gesprächen verlagerte sich die Zuhörerschaft in die angenehme Ambience des Restaurants, wo die Themen bei bester Stimmung unter Laien und Profis bis spätnachts nicht ausgingen.
2. Tag
Samstags wusste ?Die Afrikanische Schnabelbrustschildkröte (Chersina angulata) - Eingewöhnung und Haltung? derart zu interessieren, dass sich trotz der frühen Uhrzeit viele Frühaufsteher eingefunden hatten. Diese wurden denn auch mit exzellenten Ergebnissen von Viktor Mislins (CH) Forschungen zu Haltung, Brut und Lebensweise dieser kostbaren Kleinode belohnt. Oder haben Sie etwa je gehört, dass sich Schildkröten ? wie Elefanten - mit heimatlichem Sand bewerfen könnten?
Der versierte Halter hält mit seinen minuziösen Erfahrungswerten auch nicht hinter dem Berg, sondern veröffentlicht sie ? zum Wohle der Schildkröten.
?Auf Schildkrötensuche in der Dobrogea, Rumänien? war Torsten Blank (A). Er berichtete, auch mittels romantischer Bilder über diverse Lebensumstände der dortigen Reptilien: Schutz vor hoher Schneedecke in tiefen Kalkwandhöhlen, unglaubliche Kletterkünste in zerklüfteten Felsen, Wohnraum zwischen griechischen Ruinen, ideale Nistplätze in sonnigen Brandschneisen, durch Motorboote bedingte weite Fluchtdistanz von Wasserschildkröten.
Nach der Pause fuhr Steffen Szymanski (D) mit ?Haltungserfahrungen mit der Gattung Chelodina? fort. Wie vielfältig all die Unterarten doch sind, fast verwirrend für Uneingeweihte! Der Referent jedoch hat den Überblick über alle ihre Eigenheiten: darunter findet sich auch ?Chelodina oblonga, die Schlangenhals-Schildkröte mit dem längsten Hals von allen?.
?Haltung und Nachzucht der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis)" wurde von Gerhard Schaffer (A) vorgetragen. Aus der Historie erwähnt er, dass diese Tiere schon 1682 in Teichen gemästet worden seien ? um als erlaubte Fastenspeise gegessen zu werden. Das grosse Verbreitungsgebiet über Europa hinaus wurde erklärt, Fütterungsmöglichkeiten, die Überwinterung im Teich, und dass Babys bei zu hohem Wasserstand ertrinken könnten.
Das gemeinsame Mittagessen gab Gelegenheit zu freiem Meinungsaustausch, und den sehr schön gelegenen Ort am Rhein zu erkunden.
Nachmittags informierte Dr. Donato Ballasina über das geplante Tortuga-Projekt ?Scarlino? in der Toskana. Es soll nur 15 km vom ?Centro Carapax?, (dem dortigen Schildkröten-Schutzzentrum) entfernt, in Form einer riesigen Schildkröte, gebaut werden. Nutzen wollen sie die Wärme von Industrie-Kühlwasser, welches hinterher, weiter abgekühlt, wieder ins Meer zurückgeleitet werden soll. Für dieses stolze Vorhaben soll jetzt einiges zusammen kommen: Geld, Geld und nochmals Geld. Die Planer und ihre Partner hoffen auf allseitige grosszügige Unterstützung.
Bewährte ?Eingewöhnung, Haltung und Zucht der Zackenerdschildkröte (Geoemyda spengleri)" stellte Irmi Jasser-Häger (D) in ihrer selbstsicheren Art sehr charmant vor; auch die drei in Grösse und Aussehen verschiedenen Typen. Die reizenden Individuen auf den Fotos sprechen für sich! Die Vortragende plädiert für nicht zu warme und nicht zu helle Einzelhaltung der winzigen Schildkrötchen.
Für die ?Haltung, regelmässige Zucht und Aufzucht von Deyrochelys reticularia chrysea, der sehr speziellen Langhals-Schildkröte? begeisterte Denis Mosimann (CH). Im Gegensatz zu allen andern Schlangenhalsschildkröten sind diese Reptilien Halsberger, nicht Halswender. Frühlingseier schlüpfen schon nach 2-3 Monaten, Herbsteier erst im kommenden Frühjahr. Gejagt wird mittels Sogwirkung im Wasser.
Nach der Pause kam Marion Minch (D) mit ?Freilandanlagen ? Erfahrungen, Anregungen und neue Erkenntnisse?. Grundlegendes: wärmster Sonnenplatz, Schutzhaus, Zaun, Bepflanzung, Trockenplätze, Eiablagehügel, Wasser, Schutz vor Fressfeinden. Sonnenscheindauer in Europas Süden und hier verblüffen.
?Habitatanpassung und hieraus sich ergebende halterische Konsequenzen? von Hans-Dieter Philippen (D). Grosser Titel, grosser Vortrag. Bekanntes und viel Neues kam aus berufenem Mund. Z.B.: alle griechischen Landschildkröten sollen im Begriff ?Eurotestudo? zusammengefasst werden; allerdings gibt es dafür schon seit 1790 die Bezeichnung ?Chersine?, was wiederum mit dem sehr ähnlichen Begriff der afrikanischen ?Chersina angulata? Verwirrung stiftet.
Parallel zu den öffentlichen Vorträgen fand die Fortbildung für Tierärzte ?Die Veterinärmedizin und die Schildkröte? statt. Das Echo dazu war sehr erfreulich, so dass die Motivation seitens des Organisators ?Schildkrötenfreunde Basilienses?, und das Bedürfnis seitens der Veterinäre für eine weitere Tagung dieser Art gegeben sein dürfte.
Nach Abschluss des Tages setzte man sich in froher Runde zu Abendessen und angeregten Gesprächen zusammen. Es ist für einige von uns wiederum sehr spät geworden ...
3. Tag
Sonntags früh lauschten alle gebannt Frau Dr. med. vet. Silvia Blahak (D) über ?Herpes- und Ranavirus ? Fakten und Erkenntnisse?. Diese Geisseln der letzten Jahre haben über den Globus verteilt in der Reptilien- und Amphibienfauna schon immense Verluste verursacht; diese wiederum gaben zu etwelchen Spekulationen Anlass. Diese Arbeit nun brachte Licht ins Dunkel und war mit ihren labortechnischen Ausführungen recht beeindruckend.
Trotz verständlicher Erläuterungen und äusserster Konzentration ist wohl doch kein Laie ganz in diese Mysterien der Virologie eingedrungen.
Etwaige letzte Reste von Sonntagsmüdigkeit wurden jetzt von Dr. med. vet. Markus Baur (D) erbarmungslos hinweggefegt. Denn seine kräftige, direkte Wortwahl fegt jeden Träumer vom Hocker. ?Bedeutung der Haltungsbedingungen und der Ernährung auf die Fruchtbarkeit und Fortpflanzung von Europäischen Landschildkröten? war diesmal sein Thema. Viele Terrarientiere leiden unter den Folgen von zu viel und zu gutem Futter (60-70% der Besuche beim Tierarzt). Lichtintensität ? die die Hormone beeinflusst ? wird oft total unterschätzt.
Als auch noch sein berühmtberüchtigtes ?Lieschen Müller? seinen Auftritt hatte, ging auch der letzte der Zuhörer mit einem zufriedenen Lächeln in die Pause!
Diese bot nochmals Gelegenheit, sich mit neuer Schildkröten-Literatur und Bio-Wildgewächs-Samen für Futter- oder Gehegepflanzen einzudecken.
Kostbar oder preiswert ? verlockend waren sie alle; die Schmuckstücke von Künstlerhand. Thomas Eggenschwiler kreiert immer wieder neue Miniaturen aus Edelmetall, mir denen sich Mann und Frau gerne schmücken.
Dr. Peter Valentin (A) musste seinen geplanten Vortrag über den ?Wiener Schildkrötenwahn ? 30 Jahre zwischen Manie und Depression? einer Panne in seinen Anlagen wegen auf ein späteres Datum verschieben.
Er wurde mit einem ? ebenfalls sehr kritischen Thema ? von Hans-Dieter Philippen (D) vertreten: ?Die chinesische Schildkröten-Krise ? Neue Probleme?.
Diese neuesten ? teils bewegten - Bilder machten jeden im Saal sehr betroffen. Auch wenn man ?es? schon weiss, so kann man sich trotzdem nicht an solche gefühlslose, asiatische Barbarei gewöhnen. Lebende Schildkröten, liegen aufgehackt auf dem Verkaufstisch und versuchen, ihren Schmerzen davon zu kriechen ? Oder Tiere in Netzen eingeschnürt zum Kauf angeboten ? auf Eis gelegt; denn frisch muss es sein, um jeden Preis!
Neu ? nach der Olympiade jetzt auch in Chinas Supermärkten von Europäischen Grosshandelsketten! Die Schildkrötenexperten Europas wollen nun Proteste formulieren, um zu erreichen, dass diese neuen Grossverteiler als positive Vorreiter auf solche Verkaufspraktiken verzichten sollen.
Direkt beruhigend auf aufgewühlte Gemüter wirkte das letzte, sehr neue Thema: Chemische Kastration. Dr. med. vet. Piero Godenzi (CH) wusste uns die Problematik der diversen Möglichkeiten recht deutlich und mit viel Humor zu veranschaulichen.
Substanzen einzusetzen, um unerbittliche Rivalenkämpfe zu vermeiden, oder um den Schildkrötenweibchen Ruhe vor ihren allzu liebestollen, aktiven Männchen zu verschaffen, ist noch totales Neuland. Womit soll man die Herren in der Ausübung ihres Lebenszweckes beeinflussen? Mit Chemie? Mit Hormonen? Wie viel davon? Wo appliziert? Was wirkt wie lange? Temporär oder dauerhaft? Gibt es jahreszeitliche Schwankungen? Was macht welche Nebenwirkungen? Dies und mehr wird von innovativen Tierärzten in Zukunft zu erforschen sein.
Dies war ein würdevoller Abschluss dieser äusserst reichhaltigen Fachtagung. Jeder Vortrag war ein wertvoller Stein im Mosaik von dem, was alle diese ausgewiesenen Kapazitäten zu berichten wussten.
Auf einen kurzen Freitag war ein ausgiebiges Samstagsprogramm und ein gehaltvoller Sonntag gefolgt. Daneben hatten sich jedem genügend Gelegenheiten geboten, um Fragen an Profis zu richten, oder mit andern Schildkrötenfreunden zu diskutieren und zu scherzen. Nebenbei wäre noch zu bemerken, dass auch das Angebot aus Küche und Keller allen mundete.
Herzlichen Dank allen Referenten, Anbietern und Teilnehmenden, die uns organisierenden Schildkrötenfreunden Basilieses zum Erfolg dieser Fachtagung verholfen haben. Wer nicht dabei war, hat wirklich viel verpasst!
Wir freuen uns auf ein nächstes Mal.
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